Klassifizieren, ordnen, archivieren – Erkennungsdienstliche Techniken zur Identifizierung von StraftäterInnen an der Wende zum 20. Jahrhundert

Vortrag im Oberseminar von Prof. Szöllösi-Janze (LMU); 11.1.2012 »
Daniel Meßner

klassifizieren, ordnen, archivieren –

Erkennungsdienstliche Techniken zur Identifizierung von StraftäterInnen an der Wende zum 20. Jahrhundert
Uni Wien
daniel.messner@univie.ac.at
http://identifizierung.org
Daniel Meßner
1. Wissensorganisationen und Visualisierungsstrategien
Lassen sich Bilder nach Bildern sortieren?
Identifizierungstechniken Fotografie, Anthropometrie und Daktyloskopie
„Das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts bedeuten für das Verbrechertum eine neue Entwicklungsstufe, die gekennzeichnet ist durch den Verbrecher von Beruf im allgemeinen und den reisenden Berufsverbrecher im besonderen. Vereinzelt sind ja Vertreter dieser Arten wohl auch in früheren Zeiten schon aufgetreten, aber zu einer Macht ist das Berufsverbrechertum erst in der Gegenwart geworden. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hat sich der Verbrecher früher nutzbar gemacht als die das Verbrechen verfolgende Staatsgewalt, die erst durch die mächtige Entwicklung des Berufsverbrechertums veranlaßt wurde, zunächst in den großen Städten, dann aber auch in immer weiterem Umfang in ihrem übrigen Gebiete die Errungenschaften der modernen Technik in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen.“
Theodor Harster, Die Verbesserung des Fahndungsverkehrs. Unmittelbarer gegenseitiger Verkehr zwischen den in-und ausländischen Polizeibehörden, in: BayHStA MInn 71503.
„Kurzum, wir müssen die Entstehung eines Wahrheitsapparates beschreiben, der sich nicht adäquat auf das optische Modell der Kamera reduzieren läßt. Die Kamera wird vielmehr in ein größeres Gefüge integriert: in ein bürokratisches, statistisches, erkennungsdienstliches System. Dieses System läßt sich als eine komplexe Form des Archivs beschreiben. Das zentrale Artefakt dieses Systems ist nicht die Kamera, sondern der Aktenschrank.“
Sekula, Allan (2007): Der Körper und das Archiv, in: Herta Wolf (Hg.): Diskurse der Fotografie, S. 269–335, hier: S. 286.
2. Polizeifotografie
„Rings in diesem Zimmer stehen mächtige Schränke, deren Schiebladen je mit einem der Buchstaben des Alphabets bezeichnet sind. In der Lade A sind beispielsweise alle Photographien von Verbrechern untergebracht, deren Zuname mit diesem Buchstaben beginnt. […] Jede dieser Abtheilungen zerfällt wieder in Unterabtheilungen nach der Specialität der Verbrecher: die Einbrecher, Banknotenfälscher, Taschendiebe etc. werden in besonderen Fächern sortiert.“
Huybensz, Max (1876): Das Verbrecher-Album der Wiener Polizei, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt 29, S. 492-495, hier: S. 492.
„Wenn die Cte. [Kommissariate, Anm. d. Autors] die Fotografien auch benützen wollen – und bei vielen ist der endliche Wille dazu vorhanden – so ist doch die Manipulation mit denselben zweifellos zu complizirt und der Nützlichkeit derselben abträglich, es ermüdet die Amtsorgane und die Partheien mehrere hundert Fotografien je einzeln in die Hand zu nehmen und durchzusuchen, die Leute werden schließlich irre.”
Lichtbildersammlung 1880, Vortrag vom 24. Oktober 1880, Archiv der Bundespolizeidirektion Wien, Schachtel 1880-1882/V.
3. Anthropometrie

„Vor einigen Jahren glaubte man des Wiedererkennens rückfälliger Häftlinge durch Aufnahme und Registrirung derer Photographie gesichert zu sein. Aber auch das war nur eine leere Hoffnung; in nicht ganz zehn Jahren hatte man auf diese Art in Paris 100.000 Bilder gesammelt, unter denen jeden Vagabunden zu suchen, ganz unmöglich wurde.“
Alphonse Bertillon, Das anthropometrische Signalement. Neue Methode zu Identitäts-Feststellungen. Vortrag am internationalen Congresse für Straf- und Gefängnisswesen zu Rom am 22. November 1885, Berlin 1890, S. 3.
4. Daktyloskopie
Links: Bogenmuster (kein Delta)
Mitte: Schleifenmuster (ein Delta)
Rechts: Wirbelmuster (zwei Delta)
Aus: Kuhne, Frederick (1927): The Finger Print Instructor. Erstausgabe 1916. New York: Munn & Co.
Aus: Kuhne, Frederick (1927): The Finger Print Instructor. Erstausgabe 1916. New York: Munn & Co.
„Das Ergebnis wird jeweils in einem binär errechneten Zahlenbruch ausgedrückt. Dieser definiert exakt eine von 32 mal 32, insgesamt also 1.024 möglichen Kombinationen, quasi Ablagefächern in einem großen Schrank.“
Prante, Helmut (1982): Die Personenerkennung. Daktyloskopie gestern - heute - morgen. Wiesbaden: Bundeskriminalamt.
„Das herkömmliche Klassifizier- und Registrierverfahren beruhte auf falschen Prämissen und ließ damit Sammlungen entstehen, die zunehmend ihre Selektionsfähigkeit einbüßten, ohne allerdings die Qualität der mit ihnen erzielten Ergebnisse in Frage zu stellen.“
„Das bisher verwendete System des Verbrecheralbums (Einteilung nach Spezialitäten) führte nur in jenen Fällen auf die Spur des Verbrechers, in denen ein häufig vorkommendes Spezialverbrechen (z.B. Taschendiebstahl) begangen wurde, und der Gesuchte als gewohnheitsmäßiger Spezialist dieses Faches amtsbekannt ist. In allen anderen Fällen bietet das Verbrecheralbum keine Hilfe. […] Tatsächlich sind auch bei keiner Behörde mit der bisherigen Art des Verbrecheralbums gute Erfolge erzielt worden. In Berlin ist die Zahl der Eruierten minimal; in manchen andern Großstädten soll überhaupt noch nie eine Eruierung auf Grund des Verbrecheralbums stattgefunden haben und die zahlreichen Photographien sind totes, platzraubendes Material.“
Heindl, Robert (1909): Ein Beitrag zum Problem des Verbrecheralbums. In: Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik (33), S. 135–138.
„Das Photographienmaterial ist also nach 5 Gesichtspunkten geteilt. Und zwar handelt es sich – und das ist der technische Hauptvorteil dieser Registrierung – nicht um Klassifizierung und Unterklassifizierung (sodaß ein zur Unterklassifizierung benutztes Merkmal beim Aufsuchen erst verwertet werden kann, wenn das Merkmal der Hauptklassifizierung bekannt ist), sondern um 5 Klassifizierungen, die unabhängig voneinander beim Suchen der Bilder benutzt werden können. Wenn nur irgend einer der 5 Punkte bekannt ist (Größe, Alter, Verbrecherkategorie, Nasenform, Ohrenform) muß der Photographierte mit wenigen Griffen aus der Masse der Bilder herausgefunden werden. […] Das bisherige Verbrecheralbum gestattet dagegen ein solches methodisches, rationelles Weitersuchen nicht.“
Denkschrift Robert Heindl (1909), in: StAM Pol. Dir. München 4126
5. Zusammenfassung

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