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Einführung (Natur)Ethik (Juni 2014)

Vortrag an der TUM
by

Christian Dürnberger

on 8 December 2015

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Transcript of Einführung (Natur)Ethik (Juni 2014)

(Umwelt)Ethik.
Christian Dürnberger
Grundfrage
Was soll ich tun?*
* Wie soll ich mich in einer moralischen Streitfrage verhalten?**
Sollen wir Sterbehilfe erlauben?
Säkularisierung (Rationale Begründungen jenseits einer Offenbarung)
Recht ist kritisch zu diskutieren bzw. oftmals erst auszuhandeln.
Moralische Überzeugungen sind vielfältig, widersprechen sich, fehlen,...
Ethik als philosophische Disziplin
Ethik als kritisch-philosophische Reflexion
Einteilungen in der Ethik
Normative Ethik
Regeln des moralisch richtigen Verhaltens
Metaethik
Beispiele: "Was sind Werte?"
"Ist ein ethisches Urteil 'wahr'?"
Deskriptive Ethik
Beschreibung der Normen und Orientierungen
Prominente Unterscheidung
normativer Ethik
Konsequentialistische
Ethiktheorien
Deontologische
Ethiktheorien
Beispiel
Das Deutsche Bundesverfassungsgericht beschäftigte sich am 15. Februar 2006 mit der Frage: Darf ein Flugzeug, das in Geiselhaft genommen wurde, vom Militär abgeschossen werden, wenn die Terroristen damit drohen, das Flugzeug beispielsweise über dicht besiedelten Gebiet zum Absturz zu bringen?
Wäre ein derartiges Luftsicherheitsgesetz verfassungswidrig?
Konsequentialistische
Ethiktheorien
"Was letztlich bei der moralischen Bewertung zählt, ist das Ergebnis oder der Erfolg der Handlungen." (Bleisch, Huppenbauer 2011)
Fokus: Konsequenzen einer Handlung
Konsequentialistische
Ethiktheorien
Folgen sind nicht exakt diagnostizierbar. Man operiert mit Wahrscheinlichkeit. (Moralisch relevant sind Chancen und Risiken, die im Voraus erkannt werden oder erkannt werden können. Es gibt keine Pflicht zur Allwissenheit.)
Problematisch sind Situationen, in denen die Interessen Einzelner durch die Interessen einer Vielzahl überwogen werden.
Wer das Glück maximieren soll, kennt der noch moralfreie Zonen? Moralische Überforderung?
Urteil im Jahr 2006?
Urteil des Deutschen Bundesverfassungsgerichts: Ein Luftsicherheitsgesetz, das einen Abschuss erlauben würde, ist verfassungswidrig.
Begründung: Es widerspricht dem Recht auf Leben (der Geiseln).
Die Folgen des Abschusses/Nichtabschusses werden vom Urteil nicht diskutiert. Die Handlung wird per se als moralisch verboten angesehen.
Deontologische Ethik: Bestimmte moralische Pflichten gelten kategorisch.
Berühmtes Beispiel: Ethik Kants
Für deontologische Ethiken wie jener Kants ist durchaus relevant, aus welchen Motiven gehandelt wird. (Man prüfe die Maxime seiner Handlung durch Vernunft auf Verallgemeinerbarkeit.)
Problem: Klassische Dilemmasituationen
(Deontologische Ethiken tun sich schwer mit der "Wahl des kleineren Übels")
Die "Urwahl" der Moral
Es geht nur um meine Interessen
(Egoismus)
Ich erkenne die Interessen anderer grundsätzlich als relevant an
(Altruismus)
Wer sich für Altruismus entscheidet, dem stellen sich Anschlussfragen:
Wer ist Mitglied der moralischen Gemeinschaft?
Sollen wir Grundnahrungsmittel im Kampf gegen Mangelernährung gentechnisch verändern?
** Was ist eine "moralische" Streitfrage?
"Moralisch" oder "Außermoralisch"?
Was soll ich tun, damit mein Notebook wieder läuft?
Außermoralisch
Dürfen wir Menschen klonen?
Moralisch
Sind Sonnencremes mit Nanopartikeln schädlich für die Gesundheit?
Außermoralisch
Soll ich meinen Sommerurlaub am Schliersee oder in Indonesien verbringen?
Beides
- diskutieren normative Aspekte mit Handlungsbezug
- die Lösung strebt nach allgemeiner Verbindlichkeit
- tangieren zentrale Güter und Werte
(Bleisch, Huppenbauer 2011, 36)
Tendenz der Moralisierung: Fragen der persönlichen Präferenz (Urlaub, Konsum,...) werden zunehmend in ethischer Perspektive zum Thema.
Es ist entscheidend, die "moralisch relevante" Frage innerhalb eines Konflikts zu benennen. (Nicht alles, was mit "Moralischer Streitfrage" etikettiert wird, ist eine.)
Debatte um Gentechnik
Zentrale Streitfragen der Kontroverse sind deskriptiver Natur.

[Auswirkungen des Anbaus auf Biodiversität, Ernteertrag, soziale Folgen,.. ]
Ethisches Gutachten zum
Staudammabbruch am Snake River
Aus Bleisch, Huppenbauer (2011): Ethische Entscheidungsfindung. Ein Handbuch für die Praxis. Versus. Zürich.
Frage an ein ethisches Gutachten
Sollen die Dämme am Columbia und am Snake River im Hinblick auf den Schutz der bedrohten Lachsarten abgerissen werden?
Identifizierung der Stakeholder
Indianerstämme - Bewahrung der kulturellen Identität
Lachse - Artgerechtes Leben (Naturschützer - Artenschutz)
Steuerzahler - Geringere Steuern (durch Wegfall der Subvention der Schifffahrt)
Angestellte (Dammbetreiber, Energieproduzent, Farmen, Schifffahrt) - Arbeitsplätze erhalten
Energiekonsumenten - Sichere, leistbare Energieversorgung
Fischerei- und Tourismusbranche - nachhaltigen Fischfang und Tourismus etablieren
etc.
Diskussion der Argumente
Empfehlung + Begründung
Die vier Dämme stehen noch. Insbesondere die Bush-Regierung hat den Abriss dezidiert abgelehnt.
Führt Grüne Gentechnik zu einem Rückgang der Artenvielfalt?
Außermoralisch
Angewandte Ethik muss um Sachlage wissen
Interessen Anderer grundsätzlich moralisch relevant
Rationale Diskussion von Argumenten in moralischen Streitfragen
Ethik sucht Orientierung für Praxis
1. Analyse des Ist-Standes
2. Identifikation der Betroffenen
und ihrer Interessen
3. Kritische Diskussion der Argumente
4. Entscheidung (Empfehlung + Begründung)
Pro
Contra
Kulturargument
Tier/Artenschutz
Verträge einhalten
Frage der Steuer
(Gerechtigkeit)
Arbeitsplätze
Eigentum
Energieversorgung
Klimaschutz
Implementierung diskutieren
2008 wurde vereinbart, in den nächsten zehn Jahren 900 Mio Dollar an Indianerstämme als Entschädigung zu bezahlen. Im Austausch verzichten diese Stämme auf Forderung nach Abbruch der vier Dämme am unteren Snake River. (Nicht alle Stämme haben dem zugestimmt.)
In >real< life?
Moralische Fragen...
Fallbeispiel
"Boom" der Ethik
Berühmtes Beispiel : Utilitarismus.

„Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“

Eine Handlung ist gut, wenn sie "Glück" oder "Nutzen" maximiert.
Konsequentialistische
Ethiktheorien
Viele Denker, die sich der konsequentialistischen Ethik verpflichtet fühlen, votieren für einen Abschuss des Flugzeugs.
Philosophieprofessor Bernward Gesang (Uni Mannheim): Es gibt gute Gründe, den Abschuss zu befehlen.
Die Würde des Einzelnen ist nicht verrechenbar.
"... der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden..."

"Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde."
Ziel ist nicht Wissen um seiner selbst willen, sondern verantwortbare Praxis und Orientierung für Handeln.
Ziel der Ethik
Schwerpunkt
auf Handlung
Schwerpunkt
auf Handlungsfolgen
Handlungen sollten ein Ziel anstreben, das in einem umfassenderen Verständnis gut ist.
Im Anschluss an Kant
Einwände gegen Utilitarismus
Intuitive Ablehnung, da es nach "kaltherziger Kosten-Nutzen-Kalkulation" klingt.
"Kalkulation" muss umfassend und reflektiert sein.
Zugleich ist "Zahl der Betroffenen" schlicht ein Faktor, der immer schon berücksichtigt wird.
Die Richtigkeit einer Handlung ergibt sich nicht aus ihr selbst, sondern aus ihren Folgen.
Vortrag im ökologisch-philosophischen Seminar, Juni 2014
Natur/Umweltethik
"Klassische" (anthropozentrische) Ethik
Moralisches Subjekt
Moralisches Objekt
Mitmenschen
/vernunftfähige Lebewesen
[Reziprozität]
NICHT-anthropozentrische Ethiken
Moralisches Subjekt
Vernunftfähigkeit
Leidensfähigkeit
Wen muss ich moralisch berücksichtigen?
Funktionsweise
der Natur/Welt
Menschliche
Praxis
Ethik allgemein
Umwelt
-ethik
Part I
Part II
Überblick
Wer gibt Antwort auf
"Was soll ich tun?"
Sollen wir Sterbehilfe erlauben?
Wen muss ich moralisch berücksichtigen?
Was ist die Schlüsselfrage?
"Können sie denken?"
X
"Ja"
"Nein"
Was wäre eine andere Frage?
"Können sie denken?"
"Können sie LEIDEN?"
NICHT-anthropozentrische Ethiken als Heilsbringer?
Philosophische Beweisführung teilweise heikel
Umsetzung in Praxis... teilweise heikel
Ethik
... als strukturiertes, vernünftiges Nachdenken über Moral
... keine "Superwissenschaft"
Lebendigsein
"Sind sie LEBENDIG?"
Anthropozentrische Ethiken als Quelle der Krise?
Wen muss ich moralisch berücksichtigen?
Moral community
Wer Teil ist, verdient moralische Berücksichtigung
Zukünftige Generationen
Umweltschutz
Umweltethik
Moralische Gewissheiten
in Praxis umsetzen
Moralische Ungewissheiten
reflektieren
Allgemeine Diskussion
Fallbeispiele
Dürfen wir Tiere töten um sie zu essen?

Sollen wir Cassava gentechnisch mit Vitaminen anreichern?

Etc.
Pathozentrismus?
Verantwortung?
Weniger Leid = besseres Leben?
Pathozentrismus = vegan?
Leid bei "Wildtieren"?
Moral
scapegoating?
Konzeptionen von "Natur"
Die Frage nach dem moralischen Eigenwert der Natur ist eine typische Frage unserer Zeit.
Natur als belastbar
Natur als fruchtbarer Garten
Natur als verletzlich
Natur als zu beackerndes Feld
„Daß die Natur von sich aus ein blühender Garten sei, ist eine typische Illusion derer, die nicht im Garten arbeiten.“

Joachim Radkau
Natur steht heute oftmals für das Wahre, das Eigentliche, das Ursprüngliche.
Das Wahre, Eigentliche und Ursprüngliche aber lässt sich nicht verbessern.

Eingriffe stehen demnach im Verdacht der "Manipulation".
Ist die Natur stabil oder fragil?
Natur in landwirtschaftlicher Dimension?
„Wer den Boden verbessert, wüst liegendes Land urbar macht und Sümpfe austrocknet, der macht Eroberungen von der Barbarei.“ (Zitiert nach: Blackbourn 2008, 58)
Vgl.: Blackbourn, David (2008): Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft. München.
Friedrich II. (1712-1786)
Trockenlegung von Sümpfen
Natur als fruchtbarer Garten
"Der Hauch der Winde zieht die Wolken an, dass die Saaten von Regen beträufelt werden, die Weinstöcke von Reben, die Bäume von Obst überschwellen."

Laktanz (250 - 320 n. Chr.)
Natur als zu bestellendes Feld
"Nicht mehr reicht im Winter des Regens Fülle aus, um die Samen zu nähren, nicht mehr stellt sich im Sommer die gewohnte Hitze ein, um das Getreide zur Reife zu bringen, nicht mehr kann sich der Frühling seiner früheren Milde rühmen, und auch der Herbst spendet uns die Früchte der Bäume nicht mehr in so reicher Menge."

Cyprian (210 - 258 n. Chr.)
Ein anderer moralischer Diskurs
War dem immer so?
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