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Kurzgeschichte

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by

Kadidja Saruhanoglu

on 14 April 2017

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Transcript of Kurzgeschichte

Die Kieselsteine unter meinen Füßen knirschen, als ich durch das Tor gehe und den asphaltierten Weg verlasse.
Die meiste Zeit ist das Knirschen das einzige Geräusch, dass die Stille unterbricht, doch auch dieses verstummt, sobald ich über Laubhaufen laufe. Ich schaue auf meine Füße, die dem Weg auch ohne mein Zutun jederzeit finden würden. Das Gras links und rechts von mir ist weiß vom Reif. Einen Fuß vor den anderen setzend komme ich voran, aber schon bald werde ich langsamer und bleibe schließlich stehen.
Vor mir erhebt sich die Kapelle. Erinnerungen strömen auf mich zu. Ich stehe hier. Exakt hier, vor fünf Jahren. Um mich herum Familie, Freunde, Bekannte, vor fünf Jahren. Jetzt bin ich allein. Ich lasse meine Gedanken schweifen. Damals hatte ich das alles nicht ernst genommen, damals war ich 9. In Gedanken befinde ich mich wieder in dem Nebenraum. Ich sehe sie. Sehe sie ein letztes Mal. Ihr Körper erkaltet, ohne Leben. Kein Heben und Senken ihrer Brust mehr, kein Herzschlag mehr zu Hören oder Spüren. Tränen laufen über meine Wangen. Ob in Gedanken oder in Wirklichkeit, weiß ich nicht. "Ist alles in Ordnung bei ihnen?", eine ältere Dame spricht mich an. Ich nicke kurz und laufe schnell weiter.
Von der Jahreszeit her könnte es genausogut Schnee sein.
Kurzgeschichte
K. F. S.
Inzwischen ist der Weg wieder asphaltiert. Ich laufe in einem Bogen um die Kapelle und schlage den Weg mit der Nummer 61 ein. Jetzt laufe ich wieder auf Kieselsteinen. Und es knirscht wieder. Vor fünf Jahren, als alle diesen Weg lang gelaufen waren, sie an der Spitze, getragen von vier schwarzgekleideten Männern, war das Knirschen lauter gewesen. Ich schaue auf, sehe den Weg vor mir. Endlos. Ich schaue wieder auf meine Füße. Kleine Dampfwölkchen, mein Atem, steigen auf. Irgendwann bin ich da. Reihe um Reihe, überall Gräber. Überall tote Menschen, überall Leid. Mit leichten Schlenkern laufe ich zu ihr. Bleibe stehen. In Gedanken sehe ich wieder, wie sie an Seilen herunter gelassen wird, langsam. Ein Haufen Erde, vor dem Grab. Jeder schüttet drei Schaufeln davon hinein. Es regnet und die Erde, auf dem Sarg, wird sofort zu Matsch. Tränen fließen hinterher. Inzwischen ist das Grab geschlossen, Blumen sind darauf gepflanzt und kleine Ziersteine liegen in Wellen in dem Beet, aus dem ein Grabstein heraus steht. Ich stehe davor, wie festgefroren, wie damals.
Dann, langsam, sinke ich in die Knie, auf den Boden. Ein Damm bricht und Träne nach Träne läuft mir übers Gesicht. Warum? WARUM? Ich verstehe es nicht! WARUM? Ich spanne meinen ganzen Körper an, presse meine Lippen zusammen und unterdrücke mit aller Kraft den Wahnsinn, der in mir auszubrechen droht. Warum? Warum sie? Warum? Wie sollte ich bitteschön weitermachen? Wie? Ohne sie? Wie soll man leben, ohne das Leben selbst. Wenn die Person, von der das eigene Leben abhängt nicht da ist. Wenn die Person, die immer für dich da gewesen ist, es plötzlich nicht mehr ist. Wie? Ich höre ein leises Knirschen hinter mir. Das Knirschen, das jemanden ankündigt.
Ein älterer Herr läuft an mir vorbei und bleibt vier Gräber weiter stehen.
Ich verbanne alle meine Emotionen aus meinem Gesicht; Trauer, Wut, Frust verschwinden aus meinem Gesicht, sogar die Tränen und setzte wie sooft eine emotionslose Maske mit einem Lächeln aus Stein auf. Ich zünde ein Grablicht an, entferne ein wenig Unkraut und Laub und warte darauf, das ich wieder alleine bin. Der ältere Herr geht.
Ich setzte meine Maske ab und denke automatisch wieder an sie. Wie sie aussah, roch, redete, sich bewegte. Wie sie versuchte mit mir zu schimpfen, ich aber immer wusste, wie sehr sie mich liebte. Mich liebte. Liebe. Wie lange hatte ich nun keine mehr gespürt? Fünf Jahre? Ich fühlte mich wie eine leere Hülle, wie eine Schlangenhaut, täuschend echt, aber ohne Inhalt. Ohne Wärme, ohne Gefühle, verachtenswert, unnötig, allein. Tot. Ich lebe, weil ich muss, nicht weil ich will. Ich habe Pläne für die Zukunft, aber nur um meinem Leben Sinn zu geben. Ich plane mein Leben schon im Voraus bis ins kleinste Detail, um nicht zu sterben, denn ohne Halt, ohne eine vorgegebene Richtung, bricht eine Hülle zusammen und verschwindet. Und das ist meine Existenz: eine Hülle. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich freue mich auf ihn. Denn mit ihm nimmt mein Elend ein Ende. So weit entfernt von ihm bin ich gar nicht mal. Im Prinzip bin ich schon tot. Ich bin mein Geist. Aber ein Geist aus Fleisch und Blut. Meine Seele ist bereits verschwunden. Alles, was sie mir gelassen hat, ist unendliche Traurigkeit und Leere. Endlose Leere. Traurigkeit kaschiert mit einem Lächeln aus Stein, Leere gefüllt mit Worten. Worte, die das Gegenteil davon ausdrücken, was in mir vorgeht. Worte, die anderen beweisen sollen, dass es mir gut geht. Worte, die versuchen andere Leute glücklich zu machen und ihnen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, um sie von mir abzulenken. Worte, die fröhlich sind, obwohl mir viel mehr nach Weinen zumuten ist und ich die Tränen, die sich unerlaubt einen Weg nach draußen bahnen, kaum unterdrücken kann. So wie jetzt. Ich kauere auf dem Boden und vergieße Träne um Träne. Ich fühle mich leer. Komplett leer. Ich bin leer. Ich bin nichts, ich fühle nichts. Nichts außer Schmerz und Sehnsucht. Sehnsucht nach Lebendigkeit, aber vor allem nach ihr. Ich zittere. Ob vor Kälte oder Wahnsinn, spielt keine Rolle. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Will nicht mehr leben. Aber schon jetzt weiß ich, dass diese Welle irgendwann vorbei sein wird und sich das Meer, das in mir tobt, wieder beruhigen wird. Scheinbar. Nur um irgendwann wieder auszubrechen und die Fesseln, mit denen ich es immer wieder versuche zu bändigen, zu sprengen. Es wird nie vorbei sein. Es wird immer das gleiche bleiben. Kräftezehrend und zerstörerisch. Ich möchte es nicht! Ich kralle meine Finger in die Erde. Ich schaue auf, schaue in den grauen Himmel und lasse einen Laut über meine Lippen, halb Jaulen, halb Stöhnen, nur um mir gleich danach die Hand vor den Mund zu schlagen. Den Blick immer noch gen Himmel gerichtet, als würde ich auf eine Antwort oder auf ein Wunder hoffen, stehe ich langsam auf und klopfe mir die Erde von den Kleidern. Ich muss gehen. Ich hauche einen Kuss in Richtung des Grabsteines und will mich gerade abwenden, als mir etwas einfällt. Ich hole ein Taschentuch aus meiner Jackentasche hervor und lege einen fingerkuppengroßen, weißen Stein und eine kleine, dunkelrote Knospe hinein. Behutsam falte ich das Taschentuch zusammen und verstaue es in meiner Tasche. Dann betrete ich den vertrauten Kieselsteinweg und es knirscht wieder. Der Schmerz wird niemals verschwinden, aber die Erinnerung ebensowenig. Ich bin immer noch alleine, aber ich habe ein bisschen von ihr dabei. Einerseits macht die Erinnerung es noch schwieriger zu vergessen und sich damit abzufinden, aber andrerseits ist der Schmerz auch ohne Erinnerung unerträglich. Kurz bevor ich durch das Eingangstor trete, bleibe ich stehen, wische die Tränen und die Trauer von meinem Gesicht und setzte meine Maske auf. Emotionslos, gefühllos, unverletzbar. Grau -wie der Himmel. Mit einem Lächeln aus Stein.
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