60 Jahre Bürogeschichte

60 Jahre Bürogeschichte »
WIrtschaftsmedien Producing

60 Jahre Bürogeschichte
Alte Schule im Kontor: Der Schreibtisch hat zwischen zwei festen Seitenschränkchen eine Mittelschublade – damals comme il faut. 
Ebenfalls Usus im Büro: Schränke werden mit praktischen Rollläden verschlossen, nicht mit Türen. 
Auf der Schreibmaschine wiederum hackt nur die Vorzimmerdame. Der Chef schreibt schließlich nicht, sondern telefoniert und bestimmt.
Zur Gemütlichkeit trägt der Cognac im Aktenschrank bei, außerdem ein Aschenbecher für die Ludwig-Erhard-Gedächtniszigarre. 
Und weil lange Arbeitstage auf dem ungepolsterten Bürostuhl ziemlich hart sein können, hat sich unser Mann auf dem Bild ein Sofakissen von zu Hause mitgebracht.
von Rainer Leurs und Klaus Meinhardt (Illustrationen)
FTD vom 20. Mai 2009
Produktion: Nina Jauker
Technisch hat sich seit den 50ern noch nicht viel getan. Trotzdem gibt es einige schöne Accessoires: etwa die elektrische Rechenmaschine auf dem Tisch, den Scherenarm fürs Telefon oder das grünliche Kästchen mit Kabeln – übrigens keine mobile Munddusche, sondern ein frühes Diktiergerät.
Wichtiger für die Arbeitsabläufe im Büro sind allerdings zwei im Grunde recht banale Möbel: zum einen der Karteischrank an der Wand... 
...und zum anderen der sogenannte Aktenbock, das Beistelltischchen rechts. Hier packen Boten immer wieder neue Akten drauf und holen dafür erledigte ab. Ein analoger Vorläufer des Outlook-Posteingangs sozusagen.
Endlich sitzt man bei der Arbeit bequem: Auf breiter Front setzt sich der gepolsterte Drehstuhl mit fünf Füßen durch. Damit steht man kippsicher auf dem Teppichboden, der in den 70er-Jahren die Büros erobert – Auslegeware schluckt den Schall besser als Holzdielen oder Linoleum.
Beim Schreibtisch geht man vom starren Holzmöbel über zum Stahlrahmengestell – das ist ein Gerippe aus Metall mit hölzerner Arbeitsplatte drauf. Die Container dazu stehen auf Rollen oder werden eingehängt. So kann man sie mitnehmen, wenn man den Arbeitsplatz wechselt, und die Putzhilfe kommt mit dem Staubsauger einfacher an den Boden darunter.
Lange bevor auf jedem Schreibtisch ein Computer landet, ist man im Büro bereits von Elektrotand umgeben. Seit dem Aufkommen des Kopierers etwa kann man sich endlich Orgien in Kohlepapier sparen, und auch die Schreibmaschine im Vorzimmer ist bereits ein elektronisches Modell.
Handliche Taschenrechner wie den abgebildeten auf dem Schreibtisch gab es im Prinzip schon früher – aber erst in den 80er-Jahren sind sie für jeden erschwinglich. 
Ganz neu ist hingegen der Hype um die kleinen gelben "Post-it"-Zettel", die man mit wichtigen Notizen vollschreibt und dann verliert, weil sie nie dort kleben bleiben, wo man sie hingepappt hat.
1949-1959
1960-1969
1970-1979
1980-1989
1990-1999
Ein neuer Kollege zieht ins Büro ein: Nachdem er in den Jahrzehnten zuvor nur in klimatisierten EDV-Räumen zu finden war, kommt der Computer auch bei normalen Arbeitnehmern auf den Schreibtisch. 
Diesen blockiert er fortan mit seinem klobigen Röhrenmonitor und der Tastatur, auf der Scharen von Managern plötzlich im Zwei-Finger-Suchsystem ihre Spesen abrechnen sollen. 
Ebenfalls auf dem Schreibtisch bereit liegt eine weitere Revolution des Arbeitslebens: Mitte der 90er setzen sich GSM-Handys immer mehr durch, mit denen man für Kunden und Kollegen ständig und überall erreichbar ist – zum Beispiel in der Kantine, im Meeting oder auf dem Klo.
2000-2009
Nicht nur der Coffee to go ist neu im Büro des 21. Jahrhunderts. 
Hier funktioniert das meiste kabellos: Das Telefon-Headset mit Bluetooth zum Beispiel, aber auch der Internetzugang von Notebook und iPhone via W-Lan. 
Dass man seine E-Mails auch unterwegs bekommt, dafür sorgt das größte Arbeitnehmerstatussymbol von allen: der Blackberry.
Weitgehend verschwunden vom Arbeitsplatz ist dagegen der Papierkrieg aus Akten, Vorgängen und Karteikarten der vergangenen Jahrzehnte. Das bisschen, was man noch in gedruckter Form benötigt, erledigt die Laserdrucker-/Faxkombi, die man sich bequem auf den Schreibtisch stellen kann. Da ist ja jetzt genug Platz.
In 60 Jahren hat sich nicht nur das Land verändert, in dem wir leben. Auch unser Arbeitsplatz ist kaum noch wiederzuerkennen.
Eine Expedition durch sechs Jahrzehnte Bürogeschichte - vom Aktenbock bis zum Blackberry.
Dass man seine E-Mails auch unterwegs bekommt, dafür sorgt das größte Arbeitnehmerstatussymbol von allen: der Blackberry.

Loading comments...

Please log in to add your comment.

Report abuse

More presentations by WIrtschaftsmedien Producing

  • Wie Fabrice Tourre die IKB abzockte

    WIrtschaftsmedien Producing on

    Die Mails des Goldman-Sachs-Bankers zeigen: Die Bank legte gemeinsam mit einem Hedgefonds faule Papiere auf.

  • World Wide Wiesn

    WIrtschaftsmedien Producing on

    Von einer rein bayrischen Veranstaltung kann beim Oktoberfest in München nicht die Rede sein: Längst sind die Wiesn ein globalisiertes Großunternehmen, das ohne Zulieferer von ...

  • Löchriges Netz

    WIrtschaftsmedien Producing on

    Löchriges Netz